Vorprogrammierte Enttäuschung

Wertschätzung bekommt am Arbeitsplatz eine besonderen Stellenwert. Wenn Mitarbeitende gefragt werden, was ihnen in ihrer Arbeit besonders wichtig ist, dann landet „Wertschätzung“ immer unter den Top 5, meistens aber unter den Top 3 der gegebenen Antworten. Dieses Bild zeichnen sowohl wissenschaftliche Studien als auch Unternehmens-interne Mitarbeiter/innen-Befragungen.

Dabei ist wichtig zu sehen, dass Wertschätzung auf unterschiedlichen (hierarchischen) Ebenen verteil und erlebt wird. Eine wertschätzende Begegnung kann zum Beispiel zwischen zwei Kolleginnen oder Kollegen stattfinden. Eine anerkennende Geste kann auch vom Kunden oder von einem Lieferanten kommen. Am meisten geschätzt und gefordert wird wertschätzendes Verhalten aber vom Vorgesetzten.

Die deutsche Ökonomin Klaudia Holzath hat sich in ihrer Dissertation (2016) intensiv mit dem Einfluss von Wertschätzung auf die Wertschöpfung in Unternehmen beschäftigt. Unter anderem geht die der Frage nach, wie stark Wertschätzung über die verschiedenen Personengruppen hinweg empfunden wird. Die Ergebnisse zeigen ein drastisches Bild. Führungskräfte sind mit 50 % die größte Quelle von empfundener Wertschätzung in der Organisation. Darauf folgt das Team mit 16 % und Freunde und Angehörige mit 13 %.


Das scheint im ersten Moment keine Überraschung zu sein. Aber was bedeutet das im Arbeitsalltag? Eine mittlere Katastrophe! Die Frage ist nämlich, ob dieser Wunsch erfüllt werden kann. Mit diesen Erwartungen an die Führungskräfte sind meiner Erfahrung nach Enttäuschungen vorprogrammiert. Wenn man davon ausgeht, dass eine Führungskraft für ein Team von 20 bis 50 Personen verantwortlich ist, dann gleicht es einer Herkulesaufgabe, alle Mitarbeitenden regelmäßig wertzuschätzen und ihre Leistungen differenziert anzuerkennen. Diese Ergebnisse sind auch die Ursache dafür, dass in vielen Mitarbeitenden-Befragungen zur psychischen Belastung am Arbeitsplatz herauskommt: „Wir bekommen zu wenig Wertschätzung“.

Die Lösung liegt darin, die Mitarbeitenden zu motivieren, sich gegenseitig mehr Wertschätzung zu geben und den Fokus auf wertschätzendes Verhalten „auf gleicher Ebene“ zu richten. Es dürfen auch positive Rückmeldungen des Kunden oder eines Partners gefeiert werden. Die Erwartung, dass „nur das Lob meines Chefs“ zählt, ist vor allem in modernen Dienstleistungsunternehmen nicht mehr zeitgemäß und führt in die Sackgasse.

Wertschätzung oder aufrichtige Anerkennung auf eine Leistung ist der Schmierstoff in unserer Arbeit. Und sie ist weit weg von „Schleimerei“! Deshalb darf sie bedenkenlos zwischen allen Hierarchie-Stufen gegeben werden, auch der Führungskraft. Und wenn es ungewohnt ist? Viel Freude beim Üben.

Herzliche Grüße,
Florian Simon

Über den Autor: Florian Simon, 45, war Leistungssportler und arbeitete 15 Jahre in der IT als HR-Manager und Organisationsentwickler. Seit 2015 ist er Geschäftsführer der social innovators. Er entwickelte die Wertschätzungs-Ausstellung, ein neues Lernformat für eine produktive Unternehmenskultur. Mehr erfahren über die >> Wertschätzungs-Ausstellung

Genannte Quelle: Klaudia Holzaht, in: Dissertation an der Uni Dortmund 2016

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